EV-Laden im Boutique-Hotel: Zwischen Stromkapazität und Design
Ein Boutique-Hotel lebt von den Details – von der Bettwäsche über die Beleuchtung und Einrichtung bis hin zum Duft in der Lobby. All das prägt das Erlebnis der Gäste. Und auch das Laden von Elektroautos gehört zunehmend ganz selbstverständlich dazu.
Eine Ladestation zu installieren klingt zunächst unkompliziert. Für ein kleines Hotel stellen sich dabei jedoch schnell einige praktische Fragen. Die Parkplätze befinden sich häufig direkt am Eingang oder im Innenhof, sodass sich die Technik kaum verstecken lässt. Und gerade in älteren Gebäuden sind die elektrischen Reserven oft begrenzt, wenn Küche, Wäscherei, Klimatechnik und andere Verbraucher gleichzeitig in Betrieb sind.
Vor der Installation lohnt es sich deshalb, zwei Fragen genauer zu betrachten:
wie viel Ladeleistung das Gebäude tatsächlich zur Verfügung stellen kann
welche Hardware wirklich zum Haus passt
Gäste entscheiden schon heute danach
Für Fahrer von Elektroautos spielt die Lademöglichkeit bei der Wahl eines Hotels eine immer größere Rolle. Für unabhängige Häuser und Boutique-Hotels besteht die Herausforderung vor allem darin, dieses Angebot sinnvoll in ein bestehendes Gebäude zu integrieren – und nicht in einen Neubau.
Kleinere Hotels verfügen in der Regel über weniger elektrische Reserven, weniger Parkplätze und weniger Möglichkeiten, auffällige Technik dezent unterzubringen.
Problem eins (unsichtbar): Der Zählerschrank stößt an seine Grenzen
Viele Boutique-Hotels befinden sich in älteren Gebäuden – etwa in Stadthäusern, Herrenhäusern oder umgebauten Mühlen. Die Elektroinstallation stammt dort häufig aus einer Zeit, in der ladende Gästefahrzeuge schlicht noch kein Thema waren.
Dabei ist der bestehende Anschluss ohnehin schon gut ausgelastet: Küche, Wäscherei, Klimatechnik, Beleuchtung – all das benötigt kontinuierlich Strom. Kommen am Abend zwei oder mehr Elektroautos hinzu, die gleichzeitig laden, kann die verfügbare Kapazität schnell knapp werden.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass der Netzanschluss verstärkt werden muss. Sinnvoller ist es zunächst zu prüfen, wie sich die vorhandene Kapazität möglichst effizient nutzen lässt:
Dynamisches Lastmanagement passt die verfügbare Ladeleistung laufend an den aktuellen Stromverbrauch des Gebäudes an. Sinkt der Verbrauch an anderer Stelle, steht automatisch mehr Leistung für das Laden zur Verfügung.
Der Überlastschutz reduziert die Ladeleistung automatisch, sobald sich der Gesamtverbrauch der Kapazitätsgrenze des Gebäudes nähert. So lässt sich verhindern, dass Sicherungen auslösen.
Wer die vorhandene Kapazität besser nutzt, kann häufig auf eine sofortige Verstärkung des Netzanschlusses verzichten. Dadurch liegen die Installationskosten oft rund 25 % niedriger als bei einer Auslegung auf den maximal möglichen Verbrauch.
Auch Solarstrom lässt sich integrieren: Verfügbare Solarenergie kann bevorzugt zum Laden der Gästefahrzeuge genutzt werden, während weniger dringende Verbraucher in günstigere Schwachlastzeiten verschoben werden.
All dies ist dank eines EMS (Energiemanagementsystems) möglich.
Problem zwei (sichtbar): Eine Ladestation, die ins Gesamtbild passt
Große Hotels finden fast immer einen Ort, an dem Ladestationen wenig auffallen – etwa in einem Parkhaus oder auf Stellplätzen abseits des Haupteingangs.
Ein Boutique-Hotel mit zehn Zimmern hat dagegen vielleicht nur drei oder vier Stellplätze, häufig direkt neben dem Eingang oder im Innenhof. Was dort installiert wird, ist zwangsläufig Teil des Gesamtbilds.
Und das ist durchaus relevant, wenn in die Gestaltung des Hauses viel Sorgfalt geflossen ist. Eine Tür aus aufgearbeitetem Eichenholz, sorgfältig ausgewählte Außenbeleuchtung, ein liebevoll gestalteter Innenhof – all das kann schnell an Wirkung verlieren, wenn daneben eine klobige Ladestation mit lose herumhängenden Kabeln steht.
Bei der Gestaltung von Ladetechnik hat sich allerdings einiges getan. Manche Ladestationen sind heute gezielt für gut sichtbare Standorte konzipiert: mit Oberflächen, die dem Außeneinsatz über Jahre standhalten, sauberem Kabelmanagement und einem Gehäusedesign, bei dem die Optik nicht erst an letzter Stelle kommt.
Für ein Boutique-Hotel sollten solche Details daher ebenso wichtig sein wie Ladeleistung oder Installationskosten. Schließlich bleibt die Ladestation voraussichtlich viele Jahre stehen – und die Gäste sehen sie bei jeder An- und Abreise.
Wie sieht der ROI aus?
Ist die Ladeinstallation auf die verfügbare Kapazität des Hotels abgestimmt, stellt sich die nächste praktische Frage: Wie sollen Gäste die Ladestationen nutzen, und wie wird der verbrauchte Strom abgerechnet?
Einige grundlegende Entscheidungen erleichtern die Verwaltung deutlich und helfen dabei, einen Teil der Kosten wieder hereinzuholen:
Legen Sie das Bezahlmodell fest. Das Laden kann kostenlos angeboten, pro Ladevorgang oder pro kWh abgerechnet oder einfach auf die Zimmerrechnung gesetzt werden. Die Ladestationen können außerdem öffentlich zugänglich gemacht werden – und so zusätzliche Einnahmen erzielen, wenn die Stellplätze gerade nicht von Hotelgästen benötigt werden.
Behalten Sie Ladevorgänge und Verbrauch über ein Dashboard im Blick. So sehen Betreiber auf einen Blick, wie häufig geladen wird und welche Kosten dabei entstehen – auch ohne eigenes Facility-Team.
Split Billing ordnet jede Ladesitzung automatisch dem jeweiligen Gast, Zimmer oder öffentlichen Nutzer zu. So werden die Kosten sauber erfasst und abgerechnet, statt unbemerkt in der allgemeinen Stromrechnung des Hotels zu landen.
Setzen Sie auf Software-Updates aus der Ferne. Preise, Einstellungen und Software lassen sich dadurch anpassen, ohne dass für jede Änderung ein Techniker vor Ort sein muss.
Ein Bezahlmodell, das für jedes Hotel gleichermaßen funktioniert, gibt es nicht. Kostenloses Laden kann für ein Haus sinnvoll sein, das den Service als Teil des Übernachtungserlebnisses versteht. Andere Hotels setzen lieber auf Split Billing oder öffnen ihre Ladestationen in ruhigeren Zeiten für die Öffentlichkeit.
Wann und wie Sie EV-Laden in Ihrem Hotel einführen
Nicht jeder Parkplatz muss von Anfang an mit einer Ladestation ausgestattet werden. Ein oder zwei Ladepunkte reichen zunächst aus, um zu beobachten, wie die Gäste das Angebot nutzen, bevor eine größere Investition ansteht.
Ein sinnvoller Ausgangspunkt:
- Verschaffen Sie sich zunächst einen genauen Überblick über die vorhandene elektrische Kapazität, statt automatisch davon auszugehen, dass ein Ausbau erforderlich ist.
- Installieren Sie ein oder zwei Ladestationen zusammen mit einem Energiemanagementsystem mit integriertem dynamischem Lastmanagement.
- Behalten Sie mithilfe dieses Systems im Blick, wie sich das Laden auf Stromverbrauch und Kosten auswirkt.
- Legen Sie vorab fest, wie das Laden für Hotelgäste und gegebenenfalls für die Öffentlichkeit abgerechnet werden soll.
- Wählen Sie Hardware, die sowohl zum Gebäude als auch zum vorgesehenen Standort passt.
- Möchten Sie die Ladestationen auch öffentlich zugänglich machen? Prüfen Sie vorab die Vorgaben der EU-Verordnung AFIR zu Preisanzeige und Zahlungsmethoden.
Fazit
Für Boutique-Hotels wird EV-Laden zunehmend zu einem selbstverständlichen Teil des Angebots. Gäste mit Elektroauto möchten vor allem wissen, dass sie bei ihrer Ankunft laden können und ihr Fahrzeug bei der Abreise wieder einsatzbereit ist.
Für das Hotel selbst gilt es dabei einige Punkte abzuwägen: Reicht die vorhandene elektrische Kapazität aus? Wie lassen sich die Ladekosten im Griff behalten? Und welche Technik fügt sich in eine Umgebung ein, die ursprünglich vermutlich für ganz andere – und deutlich ansehnlichere – Dinge gestaltet wurde?
Sind diese Fragen geklärt, fügt sich auch das EV-Laden ganz selbstverständlich ins Hotel ein – als wäre es von Anfang an Teil des Konzepts gewesen.